Mut zur Lücke

Mut zur Lücke - Umgang mit Lücken im Lebenslauf

Erhoben steht sie da, unheilvoll und trotz fehlender Aussagen so aussagekräftig: Die Lücke im Lebenslauf. Was haben Sie in der Zeit zwischen Juli und November gemacht? Warum hat Ihr neuer Job erst vier Monate nach Ihrem alten Job begonnen? Wie haben Sie Ihre Zeit nach dem Abschluss verbracht? Ob zwischen Job- oder Studiengangswechseln, zwischen dem Abschluss und dem Auslandsjahr: Lücken im Lebenslauf sieht niemand gerne. Erst recht nicht der Chef. Oder?

Nobody’s perfect, dieses Mantra herrscht in unserer Gesellschaft vor, dennoch wird stillschweigend ein Perfektionismus erwartet, der es nicht erlaubt, Pausen in der beruflichen Karriere einzulegen. Auf der Strecke bleiben nennen es die einen, Orientierungslosigkeit die anderen. Doch wie reagieren Chefs wirklich auf fehlende Einträge im Lebenslauf, wenn es um den Traumjob geht?

Die Lücke im Lebenslauf

Wie entsteht die Lücke im Lebenslauf?

Viel zu schnell kommen junge Erwachsene nach ihrem Abschluss zu der gefürchteten Lücke im Lebenslauf. Weil sie nicht wissen, wo sie nach dem Studienende anfangen wollen. Weil sie sich vom Studium erholen möchten. Weil sie eigentlich noch vor hatten, ins Ausland zu gehen und Großartiges zu bewirken, bevor in die Arbeitswelt eingetreten wird. Oder weil sie schlichtweg keine passende Stelle gefunden haben. Zugegeben, den idealen Übergang von Studium in den Beruf schaffen die Wenigsten.

Zu groß ist der Arbeitsmarkt für Absolventen, zu viele Bewerber möchten die gleiche Stelle. Und zu groß ist auch die Unerfahrenheit und Unwissenheit, nach der heilen Studienwelt in den Beruf einzutreten. Viele Universitäten haben einen geringen Praxisanteil; Erfahrungen im erlernten Berufsbild gibt es lediglich durch das Pflichtpraktikum oder freiwillige Praktika in den Semesterferien. Wird gemerkt, dass der eigentliche Traumjob kein Potenzial für einen selbst hat, ist die Ratlosigkeit spätestens nach dem Abschluss groß. Entsprechend groß ist auch die Wahrscheinlichkeit, keinen reibungslosen Übergang in den Beruf zu schaffen. Doch wie erkläre ich meinem Chef, dass ich nach dem Studium fünf Monate auf Bali war und Surfkurse gegeben habe? Wie erkläre ich, dass ich zwar sieben Praktika gemacht habe, aber in keinem Bereich länger als drei Monate arbeiten konnte? Experten raten zu Ehrlichkeit. Stottern und beschönigte Beschreibungen des Erholungsurlaubs in Australien führen bei Chefs ebenso zu Naserümpfen wie Aussagen über Selbstfindungsphasen ohne Hand und Fuß.

 

"Entsprechend groß ist auch die Wahrscheinlichkeit, keinen reibungslosen Übergang in den Beruf zu schaffen."

Wie gehe ich mit der Lücke im Lebenslauf um?

Bestand nach dem Abschluss eine Phase der Arbeitslosigkeit, ist es ratsam, dies dem Chef einfach mitzuteilen. Bestand nach dem Studienabschluss akuter Erholungsbedarf, kann dies mitgeteilt werden als Kultur- und Länderaustausch sowie Phase der Erholung, bevor man in die Berufswelt gestartet ist. Und bestand nach dem ersten Praxisschock Unklarheit über die eigene berufliche Zukunft, ist es legitim, dies mit einer Berufsfindungsphase anhand verschiedener Praktika zu erklären. Wichtig ist dabei, nicht zu übertreiben und ehrlich zu seinem Chef zu sein.

Aussagen darüber, wie man die Zeit der Arbeitslosigkeit produktiv für die Jobsuche genutzt hat geben dem Chef einen Eindruck davon, wie in Krisen mit schwierigen Situationen umgegangen wird. Hat der Bewerber verschiedene Praktika absolviert und erklärt dies mit einer Berufsfindungsphase, kann der Chef sicher sein, dass sich über den gewünschten Arbeitsplatz bereits ausführlich Gedanken gemacht wurden und keine bösen Überraschungen auftauchen. Und entstand eine Lücke aufgrund von Krankheit oder Erholungsbedarf, kann dies dem Chef mitgeteilt werden, ohne näher ins Detail (Krankheitsbild, Behandlungen etc.) eingegangen zu werden, sofern es der Bewerber nicht möchte.

Lügen im Lebenslauf

Lügen im Lebenslauf fallen schnell auf

Negativ aufgefasst werden Lücken im Lebenslauf nur in den seltensten Fällen. Etwa, wenn diese aus Lustlosigkeit und ohne Wunsch auf Veränderung über einen längeren Zeitraum bestehen und dies auch durch den Bewerber vermittelt wird. Oder wenn versucht wird, diese zu verschweigen oder zu beschönigen. Ehrlichkeit zählt mehr als Perfektionismus.

Können Fehler und Lücken legitim begründet werden, wird der Chef dem Bewerber in den wenigsten Fällen daraus einen Nachteil zukommen lassen. Im Gegenteil: zu intensiven Nachfragen, Ungläubigkeit und negativen Konsequenzen seitens der Chefetage führen eher schwammige Erklärungsversuche oder Lügen der Bewerber, da sie das Vertrauensverhältnis zwischen Chef und Arbeitnehmer nachhaltig beeinflussen.

Ehrlich währt am Längsten

Lieber mit offenen Karten spielen? Dazu wird von vielen Chefs geraten. Bewerber sollen zugeben, dass sie nach dem Abschluss ein Ortswechsel gereizt hat; dass schon immer der Traum bestand, abseits des BWL-Studiums einmal im Tourismusbereich zu jobben und in einer anderen Kultur zu leben, oder dass der Wunsch bestand, sich sicher zu sein in seiner Berufswahl, und dies durch Praktika zu bestätigen. Diese Informationen können dann im Positiven genutzt werden, um anzugeben, warum man durch seine ganz persönlichen Lücken eigentlich noch besser für den Job geeignet ist als andere Bewerber. Der Chef wird’s sicherlich verstehen, denn nobody’s perfect, vor allem keine „Frischlinge“ im Beruf; das weiß auch er (auch wenn er es niemals offen zugeben würde 🙂 ). Ehrlich währt in diesen Fällen also doch am längsten -  und macht darüber hinaus auch noch sympathisch!

 

Von Ursula Pillmann

Veröffentlicht am 02.02.2017 

Bei dem hier veröffentlichen Blogeintrag handelt es sich lediglich um die persönliche Meinung des Autors und nicht um die offizielle Meinung der HDK Heidelberg Kolleg UG (haftungsbeschränkt)